Allgemeine Erziehungsvorstellungen Montessoris

Montessori kritisierte einen Erziehungsprozess, in dem der Erwachsene das Kind als Objekt betrachtet und es ausschließlich nach seinen eigenen Maßstäben formen will. Ihre Maxime bestand darin, das Kind Subjekt des Erziehungsprozesses sein zu lassen. Sie verdeutlichte dies mit der Metapher des Wachses:

 

Es ist wahr, dass das Kind in seiner frühen Lebensepoche gleich weichem Wachs ist, aber dieses Wachs kann nur von der sich entfaltenden Persönlichkeit selber geformt werden. Die einzige Pflicht des Erwachsenen ist es, diese Formung des Wachses vor Störung zu bewahren, damit die feinen Zeichnungen, die das erwachende psychische Leben des Kindes dem Wachs einritzt, nicht ausgelöscht werden“ (Montessori 1985, 8).

 

Erziehung im Sinne Montessoris bedeutet also kein Formen des Kindes nach den Vorstellungen der Erwachsenen, sondern „dem Individuum von der Geburt an zu helfen und seine Entwicklung zu beschützen“ (Montessori 1996b, 8).

 

Da das Kind die Aufbauarbeit seiner Persönlichkeit primär selbst leisten muss, erfolgt Erziehung im Sinne Montessoris vorwiegend auf indirektem Weg. Dabei kommt den Lehrenden die Aufgabe zu, die für die aktive Aufbauarbeit des Kindes notwendigen Umwelterfahrungen zu ermöglichen. Nach Montessori benötigt das Kind „den Schutz einer lebendigen, von Liebe durchwärmten, an Nahrung reichen Umwelt, in der alles darauf eingerichtet ist, sein Wachstum zu fördern, und nichts hindernd im Wege steht“ (Montessori 1996a, 44).

 

Polarisation der Aufmerksamkeit

Das Phänomen der „Polarisation der Aufmerksamkeit“ bildet den Kern der pädagogischen Bemühungen Montessoris. Dieses „Schlüsselphänomen“ der Montessori-Pädagogik kann verstanden werden als Fähigkeit des Kindes zur tiefen Konzentration. Die Bedeutsamkeit der „Polarisation der Aufmerksamkeit“ liegt für Montessori in der umfassenden Auswirkung auf die Persönlichkeits- und Bildungsentwicklung des Kindes. Sie konstatiert positive Effekte im Bereich der Emotionalität, Sozialität und Moralität. Nach einer intensiven Arbeitsphase zeigen die Kinder Freude, Ausgeglichenheit und ein gestärktes Selbstwertgefühl, sie „erweisen sich gegen jedermann freundlich, sie verschwenden sich, anderen zu helfen, sie sind voller Verlangen, gut zu sein“ (Montessori 1992a, 44). Montessori ist überzeugt davon, dass sich tiefe Konzentrationsphasen auch positiv auf die fachliche Bildung der Schülerinnen und Schüler auswirken:

 

Hier liegt offenbar der Schlüssel der Pädagogik, diese kostbaren Zustände der Konzentration mit ihrer Wiederholung der Übung zu erkennen und sie zum Lernen all dessen zu nutzen, was die Bildung betrifft: Schreiben, Lesen, Zeichnen, dann Grammatik, Arithmetik, Geometrie, Fremdsprachen. Alle Psychologen sind sich darin einig, dass es nur eine ideale Form des Lernens gibt: tiefstes Interesse und lebhafte und andauernde Aufmerksamkeit“ (Montessori 1992a, 45).

 

So besteht eines der zentralen Ziele Montessoris darin, pädagogisch-didaktische Strukturen zu entwickeln, die das Entstehen der „Polarisation der Aufmerksamkeit“ fördern. Als wesentliche Bedingung hierfür sieht sie die Möglichkeit der Schülerinnen und Schüler, aus einer strukturierten Umgebung frei einen Arbeitsinhalt wählen zu können, so dass eine optimale Passung zwischen Lerninhalt und Entwicklungsstand erreicht werden kann.